Wunderwerk am Wegesrand

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Wer aufmerksam durch die Natur spaziert, entdeckt oft mehr, als das bloße Auge auf den ersten Blick erfasst. In Waidhaus öffnet uns Gertie Kreuzer die Türen zu einer fast vergessenen Welt.

Die leidenschaftliche Kräuterpädagogin und zertifizierte Kräuterführerin hat es sich zur Herzensaufgabe gemacht, das jahrhundertealte Wissen um unsere heimischen Wildkräuter wieder aufleben zu lassen. Ein Wissen, das in den letzten einhundertfünfzig Jahren schleichend aus unserem Alltag verschwunden ist.

Wilde Geschenke aus Natur

Löwenzahn, Gänseblümchen oder Brennnessel kennen die meisten Menschen. Doch oft werden sie in heimischen Gärten rigoros als störendes Unkraut verbannt und so mancher Hobbygärtner führt einen regelrechten Kampf gegen das Grün. Gertie Kreuzer sieht das völlig anders. Sie weiß um die unglaubliche Kraft, die in diesen anspruchslosen Pflanzen steckt. Ein Wildkraut wird nicht gepflanzt, nicht gegossen und wächst trotzdem mit einer enormen Energie heran. Genau diese geballte Lebenskraft geben die Pflanzen an uns weiter. So enthält eine Handvoll Brennnesseln nicht nur den Tagesbedarf an Vitamin C, sondern liefert sogar mehr pflanzliches Eisen als ein herkömmliches Steak. Sogar die Samen der wehrhaften Brennnessel sind wahre Kraftpakete. Früher, so erzählt die Expertin mit einem Schmunzeln, war das Sammeln dieser Samen in Klöstern strengstens untersagt. Man sprach ihnen eine aphrodisierende Wirkung zu, was hinter den dicken Klostermauern natürlich für unerwünschte Unruhe sorgte. Heute empfiehlt die Fachfrau, die getrockneten Samen einfach als nährstoffreiches Topping über das morgendliche Müsli zu streuen.

Grüne Schulstunde

Ihre Liebe zu natürlichen Lebensmitteln prägte auch Gertie Kreuzers Berufsleben. Als Lehrerin für Ernährung und Gestaltung an der Mittelschule Vohenstrauß war es ihr ein großes Anliegen, den Schülerinnen und Schülern den echten Geschmack der Natur näherzubringen. Oft sorgte das für lustige, aber auch nachdenklich stimmende Momente. Wenn sie die jungen Menschen in den Schulgarten schickte, um frische Petersilie oder Schnittlauch zu ernten, erntete sie nicht selten fragende Blicke. Das Grünzeug direkt vor dem Fenster wurde schlichtweg nicht erkannt, da Kräuter vielen Familien nur noch als fertige Gewürzmischung aus der Tüte oder Flüssigwürze aus der Flasche bekannt waren. 

Umso wichtiger war es der engagierten Pädagogin, den Unterschied zwischen industriell gefertigter Nahrung und echten Naturprodukten aufzuzeigen. Ein besonderer Aha-Effekt entstand stets beim Thema Erdbeerjoghurt. Wenn die Schülerinnen und Schüler erfuhren, dass der intensive Geschmack oft nicht von frischen Früchten, sondern von fermentierten Sägespänen stammte, war das Erstaunen groß. Solche prägenden Erlebnisse zeigten deutlich auf, wie sehr sich die Gesellschaft geschmacklich von der eigentlichen Natur entfernt hat.

Riechen, Fühlen, Schmecken

Heute gibt Gertie Kreuzer ihr umfangreiches Wissen an interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer sowie motivierte Wanderinnen und Wanderer weiter. Zwar bieten Bücher und moderne Apps eine gute erste Orientierungshilfe, doch das tatsächliche Begreifen der Pflanzen gelingt nur draußen in der freien Natur. Wie fühlt sich das Blatt an? Welcher Duft entfaltet sich, wenn man es sanft zwischen den Fingern zerreibt, welche Pflanze ist genießbar und verträglich? Genau diese sinnlichen Erfahrungen machen eine geführte Kräuterwanderung so wertvoll und unersetzlich. Wer selbst im eigenen Garten aktiv werden möchte, für den hat die Kräuterfee aus Waidhaus einen wunderbar entspannten Rat: Einfach mal wachsen lassen. Wer auf chemische Düngemittel verzichtet und der Natur ein wenig Freiraum gewährt, kann schon bald Spitzwegerich oder den feinen Giersch ernten, der wunderbar zart nach einer Mischung aus Sellerie und Karotte schmeckt. Die Knospen der schwarzen Johannisbeere sind besonders kraftvolle Duftbomben, die den Garten herrlich parfümieren sobald man die Knospen etwas öffnet. Allerdings hat jede Gegend aufgrund der Bodenbeschaffenheit und Witterung seine eigenen Pflänzchen. „Waldengelwurz ist bei uns zum Beispiel in Waidhaus und Richtung Neustadt besonders gut verbreitet.
Diese zweijährige Pflanze lässt das ‚Wurzelgraben‘ nach einem Jahr Wachstum zu und lässt sich wunderbar ansetzen. Mit Alkohol angesetzt entsteht ein richtiges ‚Power-Elixier‘. Bei Erkältung oder Erschöpfungszuständen wäre das ein gutes Tröpfchen Energie“, erklärt die Kräuterexpertin Gertie Kreuzer.

Ein Rezept für neue Lebensgeister

Wenn der Winter sich verabschiedet und das erste Grün sprießt, ist die perfekte Zeit für einen echten Klassiker der Naturküche. Die traditionelle Neun-Kräuter-Suppe, oft auch Gründonnerstagssuppe genannt, diente schon unseren Vorfahren dazu, die leeren Vitaminreserven nach der kalten Jahreszeit wieder aufzufüllen. Die Basis bildet eine kräftige Gemüsebrühe, in der Zwiebeln und Kartoffeln gekocht werden. Erst ganz zum Schluss gesellen sich die fein gehackten Frühlingsboten hinzu. Zu den klassischen Zutaten gehören Schafgarbe, Löwenzahn, Brennnessel, Bärlauch, Giersch, Spitzwegerich, Sauerampfer und Vogelmiere. Je nach persönlichem Geschmack wird die Suppe cremig püriert oder mit den sichtbaren Kräuterstückchen serviert. Ein paar knusprig geröstete Brotwürfel runden dieses wärmende Wohlfühlessen perfekt ab. Ein Ausflug in die Welt der Wildkräuter beweist auf eindrucksvolle Weise: Die beste Apotheke und der aromatischste Feinkostladen liegen direkt vor unseren Füßen. Wir müssen nur wieder lernen, genau hinzusehen.