Die Schutzengel vom Basaltkegel

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Es ist eine stille Nacht in Parkstein. Die Marktgemeinde schläft tief unter dem wachsamen Auge ihres berühmten Basaltkegels. Doch plötzlich zerreißt ein schrilles, unerbittliches Piepsen die nächtliche Ruhe. Es ist der Melder von Christian Bösl, der auf dem Nachttisch liegt. In diesem Moment endet der Schlaf schlagartig.

Während andere sich noch einmal wohlig in ihre Decken kuscheln, springt Christian bereits in seine Kleidung. In seinem Kopf läuft bereits ein Programm ab, welches er hunderte Male trainiert hat. Denn irgendwo in Parkstein, vielleicht nur einige Straßen weiter, kämpft gerade ein Mensch um sein Leben. Christian ist einer der „Helfer vor Ort“, kurz HvO, und er weiß: In den nächsten Minuten wird er in das Leben eines Unbekannten treten um zu helfen.

Ein Versprechen, das aus der Stille wuchs

Die Geschichte dieser besonderen Truppe ist keine gewöhnliche Vereinsgeschichte. Sie ist tief verwurzelt in einem Moment, der Christian Bösl’s Sicht auf die Welt für immer veränderte. Wir müssen zurückblicken in das Jahr 2005. Damals geschah etwas, das man eigentlich niemandem wünscht. „Mein direkter Nachbar verstarb damals völlig unerwartet am Gehweg“, erinnert sich Christian mit einer Stimme, in der man den Nachhall dieses Tages noch immer spürt. Christian war damals schon lange beim Bayerischen Roten Kreuz aktiv, er war sogar zu Hause, doch er bekam das Unglück draußen vor seinem Fenster schlichtweg nicht mit. Bis die professionelle Rettung aus dem zehn Kilometer entfernten Neustadt eintraf, war es bereits zu spät. Dieser „traurige Umstand“, wie er es bescheiden nennt, war die Geburtsstunde der HvO Parkstein. Christian schwor sich damals: Das darf nicht noch einmal passieren. Gemeinsam mit seinem Bruder und einer Handvoll entschlossener Bürgerinnen und Bürger gründete er die Gruppe, um als schnelle Eingreiftruppe das Überleben in der eigenen Nachbarschaft zu sichern.

Die unerbittliche Mathematik des Überlebens

Wenn man Leon Bösl oder Peter Bäumler fragt, warum man sich diesen Stress freiwillig antut, bekommt man eine Antwort, die so logisch wie erschreckend ist. In der Notfallmedizin gibt es eine goldene Regel, die über Leben und Tod entscheidet: Die Überlebenschance bei einem Herzstillstand sinkt mit jeder Minute ohne Hilfe um etwa zehn Prozent. Der Rettungswagen aus Neustadt oder Weiden braucht im Idealfall zehn bis zwölf Minuten nach Parkstein – rechnet man die Zeit für den Notruf und die Alarmierung dazu, landet man schnell bei fünfzehn Minuten. „Wenn man sich das auf der Zunge zergehen lässt, sind wir dann eigentlich schon im Bereich von Minusprozenten“, erklärt Peter sachlich. Genau hier setzen die Helferinnen und Helfer an. Sie sind das „Zusatzrettungsmittel“, das diese gefährliche Zeitlücke schließt. Sie sind oft schon nach drei oder vier Minuten am Patienten. Diese gewonnenen sechs bis sieben Minuten sind das kostbarste Geschenk, das man einem Menschen in Not machen kann. Es ist der Vorsprung, den das Herz braucht, um wieder zu schlagen.

Viel mehr als nur ein Pflaster und gute Worte

Wer denkt, dass hier lediglich gutmeinende Nachbarn mit einem Erste-Hilfe-Kasten vorbeischauen, der unterschätzt das fachliche Niveau der Parksteiner Truppe gewaltig. Die Ausbildung ist ein Marathon aus Theorie und Praxis. Die 17 Mitglieder, darunter viele junge Leute, investieren Unmengen an Freizeit, um medizinisch auf Augenhöhe mit den Profis zu agieren. Es beginnt mit der Fachsanitätsausbildung und geht bei vielen bis zum Rettungssanitäter. Peter und Leon haben sogar vierwöchige Praktika in Kliniken absolviert, haben im Operationssaal, in der Notaufnahme und auf der Intensivstation gelernt wie man Leben rettet, wenn es wirklich brenzlig wird. „Man braucht Leute, denen man es zutrauen kann, nachts um drei allein in ein Zimmer zu treten, in dem eine verzweifelte junge Familie steht und einem ihr Neugeborenes entgegenstreckt“, beschreibt das zusammengeschweißte Team die psychische Last. Es geht um Souveränität. Man muss Ruhe ausstrahlen, wenn um einen herum das Chaos ausbricht. Die Parksteiner Helferinnen und Helfer leisten nicht nur medizinische Erstversorgung wie Blutdruckmessen oder Sauerstoffgabe, sie sind auch „Krisenmanager“. Während einer den Patienten stabilisiert bis der Notarzt eintrifft, nimmt der andere die zitternde Hand der Angehörigen, sucht den Medikamentenplan oder bereitet die Übergabe für den Notarzt vor. All das geschieht auf ehrenamtlicher Basis, neben dem Hauptberuf und Privatleben. Und als wäre das noch nicht genug, fahren Peter und Leon auch noch ehrenamtlich „Notarzt“ mit Dr. Kuhbandner  aus Parkstein, wenn dieser Dienst hat. 

Ein neues Flaggschiff für den Schutz

Besonders stolz ist die Gruppe auf ihren neuesten Zuwachs, der nun durch die Straßen von Parkstein rollt: ein vollelektrischer BMW iX1. Die Entscheidung für ein Elektroauto war basierte auf schlichter Logik und bitteren Erfahrungswerten. Der alte Ford Kuga der Truppe gab nach neun Jahren seinen Geist auf – gezeichnet von tausenden Kurzstreckeneinsätzen. „Ein Verbrenner mag es gar nicht, wenn er im eiskalten Winter direkt nach dem Kaltstart unter maximaler Last steile Steigungen bewältigen muss“, erklären die Männer schmunzelnd. Als wir „Auto-los“ waren, fuhren wir seinerzeit sehr viel mit unseren privaten Fahrzeugen zu den Einsätzen“, denkt Christian zurück. Bald rollte jedoch ein Spendenaufruf an und dann kam der Anruf, der alle sprachlos machte: Die Firma Witron sponserte kurzerhand das komplette neue Basisfahrzeug. Der Ausbau wurde durch eine Vielzahl von Spenden von Bürgern und Vereinen gesponsert.

Wer ist dabei?

Derzeit sind in Parkstein 17 Mitglieder im Verein, sechs davon aktiv im Fahrdienst. Neue Mitglieder werden händeringend gesucht. Die Hürde ist dabei weniger die Ausbildung als vielmehr die Belastbarkeit. „Du brauchst jemanden, den du nachts um drei hinschicken kannst, wo dir ein junger Familienvater ein Neugeborenes entgegenstreckt, weil er nicht weiß, was  gerade passiert“, bringt es Leon auf den Punkt. Es sind keine Filmhelden gefragt, sondern Menschen mit Ruhe im Kopf, das Herz am rechten Fleck haben und die vorallem im „Einzeleinsatz“ den Situationen gewachsen sind. Dass man dabei nicht sofort ins kalte Wasser geworfen wird, versprechen die drei Vorsitzenden gerne. Junge Mitglieder fahren zunächst in Begleitung, werden langsam herangeführt und lernen das Handwerk Schritt für Schritt. Was zählt, ist der Wille. Der Rest kommt mit der Zeit. Wer neugierig ist, findet den HvO Parkstein auf Social Media oder kann sich direkt an die Servicestelle des Bayerischen Roten Kreuzes in Weiden wenden. „Man sieht viel, was man nicht unbedingt sehen will oder lange nicht vergessen kann, aber das Leben trotzdem großartig bereichern kann“ bringt Leon ein. 

Das Ehrenamt, das keine Rechnung schreibt

Was die Arbeit der HvO in Parkstein so besonders macht, ist die bedingungslose Hingabe. Anders als bei der Feuerwehr gibt es für die Helferinnen und Helfer des Roten Kreuzes keinen gesetzlichen Anspruch auf Verdienstausfall. Wenn der Melder während der Arbeitszeit schrillt, müssen sie ausstempeln. Der Einsatz geht von ihrem privaten Zeitkonto ab. „Es sind unsere Minusstunden, unser Urlaub, unsere Freizeit“, sagen sie ohne jede Bitterkeit. Es ist die reinste Form des Ehrenamts. Trotz der oft schweren Bilder, die sie im Kopf mit nach Hause nehmen, trotz der Reanimationen, die nicht immer gut ausgehen, und trotz der unterbrochenen Nächte bleiben sie dabei. Die Kameradschaft untereinander, das gemeinsame Verarbeiten der Erlebnisse und das Wissen, dass man für seine Nachbarinnen und Nachbarn da ist, wenn es sonst niemand sein kann – das ist der Treibstoff, der sie antreibt. Dank dieser engagierten Männer und Frauen kann Parkstein ein Stück weit beruhigter schlafen. Denn sie wissen: Wenn es wirklich darauf ankommt, ist Hilfe nur einen Katzensprung entfernt.