Hand in Hand, Schritt für Schritt

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Manchmal braucht es keinen großen Plan, sondern nur einen Fachvortrag und eine Frau, die danach nicht einschlafen kann. So zumindest ließe sich die Entstehungsgeschichte des Vereins „Generationen Hand in Hand e.V.“ auf einen Nenner bringen.

Aber wie so oft steckt hinter einer einfachen Zusammenfassung eine Geschichte, die deutlich mehr Herzblut, Hartnäckigkeit und Esprit enthält, als Anfangs erwartet. Wir haben Elisabeth Gottsche und Joachim Sertl, besser bekannt als „Jochen“, in Eschenbach besucht, und unser Kaffee ist dabei beinahe kalt geworden, so viel gab es zu erzählen.

Zwischen Pflegestufe und Selbstständigkeit

Der Samen wurde auf einem Fachvortrag gelegt, den Elisabeth damals als Seniorenbeauftragte besuchte. Herr Martin, ein Referent aus Baden-Württemberg stellte ein Hilfsnetzwerk vor, das sie sofort in ihren Bann zog. „Das ist genau das, was wir brauchen“, dachte die examinierte Altenpflegerin und Sozialwirtin und ließ den Gedanken nicht mehr los. Denn sie kannte die Lücke im System nur zu gut. Menschen, die noch keinen Pflegegrad haben, aber auch nicht mehr vollständig alleine zurechtkommen. Wer fährt sie zum Facharzt nach Weiden oder Bayreuth? Wer begleitet sie, wenn nach einem Krankenhausaufenthalt plötzlich niemand daheim wartet? „Wenn ich nicht mehr Auto fahren kann, dann geht es bei uns schon los“, beschreibt Elisabeth das Kernproblem einer Region, in der der Bus vielleicht zweimal täglich fährt. Gut Ding hat Weile: Zweieinhalb bis drei Jahre Vorarbeit, unzählige Stadtrats- und Gemeinderatssitzungen mit PowerPoint-Präsentation im Gepäck, und ein Karl Lorenz als damaliger zweiter Bürgermeister Eschenbachs und jetzt 1. Vorsitzender, der sofort ein offenes Ohr hatte bildeten die Grundlage für den Beginn. Im November 2015 war es so weit: die Gründungsversammlung – 59 begeisterte Gründungsmitglieder machten den Anfang. „Unsere Gemeinschaft Generationen Hand in Hand (GeHiH e.V.) lebt das Motto eines möglichst langen, selbstständigen Lebens in der eigenen Wohnung. Durch die gegenseitige Hilfe unserer Vereinsmitglieder ist dies möglich. Damit jedes Mitglied sich sicher sein kann, dass dies auch funktioniert, findet bei jeder Aufnahme in den Verein, ein persönliches Gespräch durch den/die Koordinator/in statt. Ganz besonders wichtig sind unsere regelmäßig sich einbringenden Helfer. Davon können wir nie genug haben und wir werben dafür ganz intensiv bei jeder Aufnahme. Rüstige Junggebliebene und Junge, die sich einbringen wollen, sind immer herzlichst willkommen“, betont Karl Lorenz.

Das Arbeitszeitkonto, das sich lohnt

Was den Verein von klassischer Nachbarschaftshilfe unterscheidet, ist eine Idee, die beim ersten Hinhören verblüffend simpel klingt, bei näherer Betrachtung aber einen langen Atem verrät. Wer heute hilft, spart sich etwas an, nämlich Zeit. Für eine Hilfsstunde zahlen Hilfsbedürftige acht Euro. Sechs davon gehen an die Helferin oder den Helfer. Doch wer das Geld nicht braucht, kann es auf einem Treuhandkonto stehen lassen, als Guthaben für den eigenen Bedarf später. „Wir haben nicht wegen der sechs Euro so viele Helferinnen und Helfer“, stellt Jochen nüchtern fest. Was die eingetragenen Helfenden antreibt, ist etwas anderes: das Gefühl, gebraucht zu werden. Schlußendlich gibt es drei Formen der Mitgliedschaft: Jene, die Hilfe empfangen, jene die helfen und jene welche als passive Mitglieder gelistet sind, das heißt  keine Hilfe brauchen und zeitlich keine Hilfe leisten können aber Beiträge in Spendenform leisten. Derzeit hält das Treuhandkonto, auf das der Verein wohlgemerkt keinen Zugriff hat, rund 32.000 Euro an angespartem Helferguthaben. Ein stilles Zeugnis gelebter Solidarität.

Ein Esel und 1350 Hilfseinsätze im Jahr

Wer sich fragt, was alles unter Nachbarschaftshilfe fällt, sollte Jochen Sertl fragen. Er hat Antworten, die man so nicht erwartet. Natürlich gibt es die klassischen Fahrten zum Arzt, bei denen die helfende Person als „Taxi“ fungiert (Fahrkosten werden ersetzt). Natürlich gibt es auch Begleitung beim Einkaufen, Hilfe mit dem Fernseher, dem Smartphone und dem Onlinebanking. Einmal rief jemand an, der ganz kurz verreisen wollte und jemanden brauchte, der seinen Esel versorgt“, sagt Jochen und lacht, als wäre es die normalste Sache der Welt und „IAH“  irgendwie ist es das auch. Rund 1.350 Hilfseinsätze zählt der Verein im letzten Jahr. Jeder davon wird sorgfältig dokumentiert, von beiden Seiten unterschrieben, damit Stunden und Kilometer nachvollziehbar bleiben. Dass dabei nicht selten mehr entsteht als eine Dienstleistung, beschreibt eine Mitstreiterin aus dem Verein besonders treffend: Aus Helfenden und Betreuten wurden,  in vielen Fällen, echte Freundschaften.

12 Gemeinden, über 900 Mitglieder, eine Vision

Was 2015 mit zehn Gemeinden des damaligen westlichen Landkreises Eschenbach begann, umfasst heute zwölf Kommunen. Über 900 Mitglieder stehen auf der Liste  und alle zwei Monate treffen sich bis zu 140 von ihnen zu einem gemeinsamen Nachmittag, bei dem es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Vorträge gibt: über gesundheitliche Themen, Vererben, Patientenverfügung, über gesunde Bewegung im Alter oder, demnächst, über künstliche Intelligenz und Gefühle. „Nicht jeder muss sein eigenes Süppchen kochen. Wir reichen gerne Gemeinden und Kommunen unsere Hand um gemeinsam flächendeckend Wertschöpfungsketten zu bilden“, legt uns Elisabeth nahe. Was es braucht, ist ein tragfähiges Konzept, das auch dann weiterläuft, wenn sie selbst nicht mehr am Steuer sitzt. Genau das hat sie von Anfang an im Sinn gehabt. 

Wer hilft, gewinnt

Wer dem Verein beitreten möchte, bevor er selbst Hilfe braucht, ist herzlich willkommen, ja sogar ausdrücklich erwünscht. Denn auf Helfende, die erst eintreten, wenn die Not groß ist, lässt sich kein funktionierendes Netz aufbauen. „Je breiter wir aufgestellt sind, desto mehr Schultern tragen die Last“, bringt es Jochen auf den Punkt. Wer also freie Zeit hat,  eine Freude am Miteinander und das Gefühl liebt „gebraucht zu werden“, findet eine Gemeinschaft, die buchstäblich Hand anlegt. Und wer einen Esel zu betreuen hat, den kann wahrscheinlich auch geholfen werden…

Informationen und Kontakt: Generationen Hand in Hand e.V., Eschenbach in der Oberpfalz. Sprechstunden: Dienstag und Freitag vor- und nachmittags.