Wildes Tännesberg

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Wer bei „Westernreiten“ an staubige Prärien, breite Krempen und den weiten Horizont Amerikas denkt, dem sei gesagt: Die Oberpfalz hat ihre eigene Ranch.

Mittendrin in Tännesberg, zwischen Hügeln und Wäldchen, hat Markus Schuster gemeinsam mit dem italienischen Pferdeprofi Riccardo Pupella eine Ausbildungsstätte aufgebaut, die sich international sehen lassen kann. Wir haben uns auf den Sattel geschwungen und nachgefragt.

Vom Schreiner zum Cowboy

Die Geschichte beginnt, wie so viele gute Geschichten, mit einer Jugendliebe. Bei Markus Schuster war es kein Mädchen aus der Nachbarschaft, sondern ein Pferd. Seit 1992 reitet er, und wer ihn reden hört, merkt sofort: Da spricht jemand, der mit dem Herzen dabei ist. 1996 verschlug es ihn für ein ganzes Jahr auf eine Cutting Ranch in High River, in der Nähe von Calgary. Canada, wohlgemerkt, nicht England, wie wir kurz augenzwinkernd nachhaken mussten.

Auf dieser Ranch wurde nicht bloß geritten. Da wurde gearbeitet. Rinder zusammentreiben, einzelne Tiere aus der Herde heraussondern, impfen, branden. Wer das schonmal bei Yellowstone gesehen hat, weiß ungefähr, wie das aussieht. Genau daraus ist die Disziplin Cutting entstanden: Ein Rind aus der Herde lösen und zurückhalten, was das Pferd kurzerhand zu einem hochspezialisierten Athleten macht.

Mit einem ganzen Koffer voller Impressionen kehrte Markus aus Kanada zurück und wechselte von den Cowboystiefeln in die Arbeitsschuhe des Schreinereibetriebes. „Ich hab relativ schnell gemerkt, dass man mit Pferden nur sehr, sehr schwer sein Leben bestreiten kann“, gibt er ehrlich zu. Schreiner, dann REFA-Techniker, dann Unternehmer: Seit 1998 führt er in Tännesberg eine Möbelfertigung, die heute unter anderem alle Ladeneinrichtungen der Firma Cube in 21 Ländern produziert. Die Pferde waren nie ganz weg, aber sie standen eine Weile im Hintergrund.

Die Ranch entsteht

Hat man einmal das Pferdevirus, lässt es einem nie mehr los. Es war immer mindestens ein Pferd auf dem Gelände – oft einfach nur zum Streicheln und Liebhaben. Als dann auch seine Frau Nicole und die gemeinsame Tochter die Liebe zum Reiten entdeckten, reifte ein Plan: Ein eigener, kleiner Stall für die familieneigenen sieben Pferde sollte her. Ein gemütlicher Reitplatz, ein bisschen Raum für die eigene Leidenschaft. Doch dann kam alles ganz anders:

Herr Pupella galoppierte wortwörtlich in das Leben der Familie. Nein, gemeint ist nicht ein weiteres Pferd, sondern der „Vollblut-Pferdeversteher“: Riccardo Pupella, professioneller Pferdetrainer mit italienischen Wurzeln und vielversprechenden internationalen Erfahrungen. „Es gibt Begegnungen, die verändern alles. Eine solche war das Zusammentreffen von mir und Riccardo. Er ist ein absoluter Profi im Sattel“ schweift der Ranchbesitzer zurück. 

„Wer bei Italien an Espresso und klassische Dressur denkt, wird überrascht, denn in Italien wird amerikanisches Rodeo zelebriert.  Ich habe schon mit 15 Jahren auf Stieren gesessen“, erzählt Riccardo schmunzelnd. Nach Stationen in Kanada, Polen und als Co-Trainer für die ganz großen europäischen Namen der Westernszene suchte ich eine neue Heimat für mein Business. Ein Bekannter stellte den Kontakt zu Markus her, und nach wenigen Sekunden war klar: Die Chemie stimmt. „Wenn wir was gemeinsam beginnen, dann machen wir es richtig“, soll er gesagt haben. Und aus einer kleinen Herberge für die sieben Pferde entstand Solid Quarter Horses: eine Trainingsanlage mit Platz für 32 Pferde, einem Außenstall, einem Reitplatz und einer Halle. Markus und seine Frau Nicole sorgen seither dafür, dass die Pferde täglich versorgt werden. Riccardo und sein Team übernehmen die Ausbildung unter dem Namen Pupella Performance Horses. Seit September 2023 läuft der Betrieb. Zweieinhalb Jahre, die sich für beide Seiten ausgezahlt haben.

Langsam reiten mit den jungen Pferden

Was hier passiert, ist keine Freizeitreiterei. Junge Pferde, überwiegend Quarter Horses, kompakt, wendig und maximal 1,60 Meter Stockmaß, kommen aus ganz Europa zum Anreiten. Züchter aus Sizilien, aus Polen und von internationalen Ranches schicken ihre Tiere auf die Reise um hier trainiert zu werden. Bevor überhaupt jemand aufsteigt, werden die Pferde vollständig geröntgt. Was der Körper nicht hergibt, lässt sich nicht erzwingen.
Das Anreiten selbst ist eine Kunst für sich. „Da darf man keine Fehler machen“, sagt Markus. Manche Pferde lassen den ersten Sattel stoisch über sich ergehen. Andere veranstalten erst mal ein kleines Rodeo durch die Halle. Nach sechs Monaten bis einem Jahr zeigt sich, was aus dem Tier werden kann: ein Turnierpferd auf Level 1, 2, 3 oder 4, oder ein Pferd für ambitionierte Amateurreiterinnen und Amateurreiter. Die Entscheidung trifft am Ende Trainer Riccardo.

Riccardo, ein echter Cowboy

Als wir Riccardo Pupella persönlich kennenlernen, betritt er die Halle mit Cowboyhut, Sporen und dem lässigen Gang eines Mannes, der weiß, was er tut. Stolz erzählt er, dass Italien im Westernreiten eine Hausmacht ist, was zugegeben etwas verblüfft. Aber die Zahlen sprechen für sich: Der aktuelle Weltranglistentrainer der Disziplin ist Italiener. Der Gewinner des renommierten „Run for a Million“, einem Spektakel in Las Vegas bei dem der Sieger eine Million Dollar einstreicht, war im vergangenen Jahr ein Franzose, für den Riccardo einst gearbeitet hat.

Oberpfalz die Hidden-Champion-Region

Wer ein bisschen nachfragt, staunt. Die Oberpfalz ist so etwas wie das stille Zentrum des deutschen Westernreitens. In Kreuth bei Amberg liegt Europas größte Reitsportanlage, ein Mekka für Western- und Klassikdisziplinen, mit Turnieren, bei denen bis zu 300.000 Dollar ausgeschüttet werden. Rund um Tännesberg, Schwandorf und Weiden tummeln sich Ausbildungsbetriebe von internationalem Format. „Warum das so ist, weiß ich nicht“, gesteht Markus Schuster mit einem Schmunzeln. Riccardo hat eine Vermutung: „Die Oberpfalz ist schön. Die Cowboys fühlen sich wohl.“ Und dann, fast beiläufig, fügt Markus hinzu: „Wir haben hübsche Mädchen in der Oberpfalz.“ Was Riccardo mit einem nachdrücklichen Nicken bestätigt.

Die Zukunft wiehert vielversprechend

Der nächste Traum ist bereits in Arbeit: eine eigene Zucht, ein eigener Deckhengst, eigene Turnierstarter. Ein Pferd trägt elf Monate, braucht zwei Jahre Aufzucht, dann die Ausbildung. Vom ersten Fohlen bis zum ersten Turnier vergehen leicht fünf Jahre. Aber wer gelernt hat, dass sich Geduld auszahlt, weiß: Das Warten gehört dazu. Markus Schuster wäre gerne Cowboy geworden. Geworden ist er Unternehmer, Pferdemensch und Mitgestalter einer der spannendsten Pferdesport-Regionen Deutschlands. Das ist mindestens genauso gut. Und irgendwo auf der Weide dreht Karl-Heinz, ein Quarter Horse mit besonders ausdrucksstarken Ohren, seine Runden. Als hätte er das alles schon immer gewusst.