Im Takt der Zeit

Die Zeiten ändern sich, aber gutes Handwerk nicht. Wenn Geschäftsführer Gerald Meierhöfer auf die Chronik seiner Gailertsreuther Mühle zurückblickt, die im Jahr 1612 beginnt, schwingt sicherlich eine kleine Prise Nostalgie mit. Viel Zeit, in Erinnerungen zu schwelgen, gönnt sich der 45-Jährige dennoch nicht. Er liebt sein Handwerk und aus der Liebe ist keine Routine geworden, sondern täglicher Ansporn, moderne Möglichkeiten zu nutzen und hochwertige Naturprodukte zu erzeugen.

 

Seinerzeit unvorstellbar, dass Dinkelkekse oder Bio-Müsli via Online-Shop die Mühle verlassen würden. Dass der Beruf des Müllers zwar unbeschwert klingen mag, aber mit harter Arbeit verbunden ist, lernte Meierhöfer schon als kleiner Junge. Dennoch war es für ihn immer klar, den väterlichen Hof zu übernehmen und Getreide auf siebzehn Hektar Land selbst anzubauen. Dinkel, Emmer und Waldstaudenroggen nehmen dabei den größten Anteil ein. 1993 wurde die Mühle auf „Demeter Bio“ umgestellt, was auch die Tendenz zur extensiven Landwirtschaft verstärkte. Den Meierhöfers gelang damit ein Spagat zwischen Produktion und Nachfrage, da, wie man sich heute noch gut erinnern kann, die Nachfrage nach Bio-Produkten damals noch gering war. Man verspürte sogar einen Rückgang des Mühlengeschäfts auf dem europaweiten Markt.

 

Dennoch: Gutes Handwerk überlebt. Um auch jeder Lage gewachsen zu sein, sammelte Meierhöfer vor Übernahme des Betriebes seine eigenen Erfahrungen in verschiedenen Mühlen Bayerns. Eine Zeit, die ihn stark geprägt hat und 2005 schließlich zum eigenen Mühlen-Neubau ermutigte. Sich auf Dinkel- und Emmer-Erzeugnisse zu spezialisieren und die damit verbundene Anschaffung einer Entspelzungsanlage, hat sich rückblickend als erfolgreiche Investition herausgestellt. Mit so einer Maschine lassen sich die Körner in einem Zuschnitt von ihrer Hülle trennen, was bei diesen Getreidesorten – im Gegensatz zum Weizen oder Roggen – erforderlich ist. Die Gailertsreuther Mühle mahlt derzeit als sogenannte „Kleinstmühle“ und lässt sich daher nicht in der deutschen Mühlenstatistik finden. Mit rund eintausend Tonnen Mehl pro Jahr und Bio-Status darf man guten Gewissens von einer Nordoberpfälzer Erfolgsgeschichte sprechen.

Über das Mühlenrad hinaus denken

Auch für Karin Schmid, Meierhöfers Lebensgefährtin, ist das eine Selbstverständlichkeit. Zusammen mit einer Handvoll Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterstützt sie das Familienunternehmen mit Leib und Seele. Die Mühle hat drei Standbeine: Lohnvermahlung, gewerbliche Abnehmer aus der Region und den Kleinverkauf. Bei der Lohnvermahlung handelt es sich um die Getreideaufbereitung für eine Erzeugergenossenschaft aus Oberfranken. Mit einigen Bio-Bäckereien zählen aber besonders regionale Unternehmen zum Kundenkreis. Der Kleinverkauf setzt sich zusammen aus den Abgaben über Hofladen, Online-Shop und Bauernmärkte. Wer ein Paket mit Absender „Gailertsreuther Mühle“ empfangen hat, hält eine mit viel Herzblut gepackte Bestellung des 2017 eröffneten Online-Shops in Händen. Meierhöfer selbst kann den Erfolg des Internetgeschäfts und der Direktvermarktung über das Smartphone gar nicht glauben – bei der großen Auswahl an Bioprodukten aus Mühle und Landwirtschaft aber sicherlich kein Wunder.

Auch der persönliche Kontakt und Kollegialität mit regionalen Partnern sind Meierhöfer wichtig. Demzufolge investiert er viel Zeit und Energie in die Zusammenarbeit mit umliegenden Verkaufsstellen und weiß die guten Beziehungen zu den Abnehmern zu schätzen. Das Motto lautet: kurze Wege. „Die Bäcker und ich sind dauernd in Kontakt.“ Die Partner überlegen gemeinsam, wie sie Großhändlern, die im Übrigen auch „Bio machen dürfen“, auf dem Markt begegnen können. Um große Preisänderungen bei Verfügbarkeitsschwankungen durch Mangel- oder Überschussjahre zu vermeiden, haben sie zum Beispiel einen „Preiskorridor“ geschaffen: In ertragreichen Jahren wird trotz des großen Angebots ein bestimmtes Niveau gehalten, um ein schlechtes Jahr wieder ausgleichen zu können, ohne den Preis groß anheben zu müssen. Diese Lösung verschafft beiden Seiten Planungssicherheit und macht das Geschäft besser kalkulierbar.

Die Mühle in Gailertsreuth setzt gezielt auf Qualität und ein starkes regionales Netzwerk. Gerald Meierhöfer will mit seinem Team das traditionelle Müllerhandwerk pflegen und den eigenen Betrieb Schritt für Schritt weiterentwickeln: „Für die kommenden Jahre wollen wir unsere Silos erneuern. Dann haben wir größere Kapazitäten.“ Ausgewählte Zutaten, die mit jahrzehntelang gesammeltem Wissen verarbeitet werden, spürt und schmeckt man. Das Mühlenrad wird sich weiter fleißig im Takt der Zeit drehen.

Echt woar! Noch besser als Bio ist Demeter Bio

Der Demeter e.V. ist ein in 1924 gegründeter Bioverband und damit der älteste in Deutschland. Demeter-Landwirte kultivieren ihre Felder biodynamisch. Bei diesem Bewirtschaftungsprinzip, das bei Feld- oder Viehwirtschaft sowie bei Saatgutproduktion oder auch der Landschaftspflege angewendet wird, kommen so wenig wie möglich Dünge- und Futtermittel oder weitere Substanzen von außen in die Betriebe. Stattdessen sollen diese Ressourcen zum Großteil vom eigenen Hof stammen und somit einen nahezu geschlossenen Nährstoffskreislauf gewährleisten. Diese nachhaltige Form der Landbewirtschaftung geht weit über die Bestimmungen der EU-Öko-Verordnung hinaus. Tier- und Naturwohl stehen im Vordergrund. Beispielsweise ist die Enthornung von Rindern verboten, um die natürliche Entwicklung der Nutztiere zu fördern. Aktuell wirtschaften über 1500 Landwirte im Bundesgebiet biodynamisch. Dem Demeter e.V. gehören etwa 330 Hersteller, Verbreiter und Vertragspartner aus Naturkost- und Reformwarenhandel an.

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